Dr. Anita KÜhnel Download PDF
Der französische Architekt, Philosoph und Theoretiker Paul Virilio begann seinen Essay „Fluchtgeschwindigkeit“ mit den Worten:
„Der Azur ist die optische Dichte der Atmosphäre, die große Linse des Erdballs, seine leuchtende Netzhaut. Vom Azurblau bis jenseits des Himmels trennt der Horizont die Transparenz von der Undurchsichtigkeit, und durch den Sprung bzw. das Abheben, mit deren Hilfe die Erdanziehung für einen Augenblick überwunden werden kann, ist es auch nur ein Schritt von der Erdmaterie bis zum Lichtraum.“ Weiterlesen >>
Es scheint, als sei Regina Conrad mit ihren Bildern der letzten Jahre wiederholt auf der Suche nach jenem Lichtraum, der bald klar aufscheinen lässt und zugleich verwischt, Bewegung zum atmosphärischen Klang werden lässt.
Die nur wenige Jahre zurückliegende Begegnung mit der Maierschen Hofkunstanstalt, einer Kunstglaserei in München, verstärkte das Interesse für Transparenz der Farbe und für eine neuerliche Sicht auf das vom Azurblau freigegebene Licht.
Die Wiederkehr bestimmter Farben in den Bildern der Malerin hat sicher etwas mit unauslöschlichen Erinnerungen an die Landschaften ihrer Kindheit zu tun und wird genährt von der neuerlichen Begegnung mit Landschafts-räumen. In den bevorzugten Farben blau, grün, gelb und schwarz findet sie Elemente einer möglichen Übersetzung für vertraute wie neu sich einstellende Erfahrungen von zufälliger wie gesetzmäßiger Farborganisation. In den Bildern sucht sie Zufälliges zu strukturieren, folgen Farbtöne der inneren Logik einer eigenen Musikalität.
Davon ist auch die mehrteilige Ahrenshooper Arbeit geprägt. Das wechselnde Licht der vom permanent sich ändernden Horizont bewegten Landschaft am Meer provoziert einen neuen Umgang mit Farbe.
Sie ist kräftig leuchtend, zugleich immateriell, von innen her transparent. Luftbildern gleich geben Farben Bewegungsbahnen frei, wechseln Strukturen einander ab im ewigen Fluss der Verschmelzung eines Vorher und Jetzt, von Diesseits und Jenseits.
Schon zuvor suchte die Regina Conrad durch Aufkleben transparenter Papiere auf die Malschicht Farbkonturen zu verwischen und ihren Bildern den Schleier des Atmosphärischen und der Schwerelosigkeit zu geben. Gegenüber diesem, eher kontemplativen Vorgehen erscheint die Ahrenshooper Arbeit wie ein großer Wurf, als beinahe spontaner, hingebungsvoll sich öffnender Ausdruck augenblicklichen Empfindens. Doch der Farbenrausch fließender Konturen ist gezügelt im ordnenden Rhythmus gegliederter Farbschichten.
Ähnlich ist den Drucken das Moment des Zufalls genutzt und zugleich einer eigenen Bildtektonik unterworfen. Der mit Literaturstipendiaten gemeinsam in Ahrenshoop verbrachte Arbeitsaufenthalt weckte die Lust am Büchemachen, am Umgang mit dem gedruckten Wort bzw. dem Buchstaben als Bildform, schließlich mit dem Druck schlechthin. Die Lettern wurden unwichtig. An ihre Stelle traten Formschablonen vorgefundener Materialien. Mit dünnem Farbauftrag auf radierten Platten werden Malerische, aquarellartige Wirkungen zarter, durchsichter Stofflichkeit erzielt. Jede neu hinzugekommene Farbe ändert die Bildkonstellation. Palimpsestartig überlagern sich gleichzeitig ausklingende und neu entstehende Töne einer fortlaufenden Melodie.
Ein Prinzip, wie es Regina Conrad seit langer Zeit parallel in ihrer Malerei verfolgte. Im voranschreitenden Malprozeß werden spontane Pinselwürfe, oder gedruckte Farbformen, wiederholt, gebrochen, übermalt, aufgerissen, verstärkt, abgeschwächt. Immer baut die Malerin Tonfolgen einer rhythmisch klaren und zugleich offenen Farbpartitur auf.
Das Fragment wird teilweise Prinzip des bildnerischen Formens. Radikal verwirklicht in Farbstreifen, die als Sequenz nebeneinander wechselnd Räume öffnen und jäh durchbrechen. In einer Reihe von Arbeiten wirkt Farbe wie mit dem Stift aufgetragen. Sie beschreibt Bahnen und Kreise vor dem offenen, hellen Grund des Papiers. In Umkehrung zum Blick aus dem Lichtraum hat die Malerin hier gewissermaßen die Seite des Horizonts gewechselt. Von scheinbar lapidarer Einfachheit sind die Malereien auf Papier von erdschweren Grüntönen, in denen Schwünge eines hellen Grün und Weiß, eines Schwarz, manchmal eines Rot- den raschen, lang gezogenen, zugleich entschiedenen Tönen eines Geigenbogens gleich- die Ruhe des Bildgrundes aufheben, bald abrupt hell, bald allmählich sich vom Grundton lösend. Mit gleicher Stringenz brechen sich umgekehrt in den Pendants pointierte, dunkle Klänge kräftiger Farben im hellen Gelb oder Weiß Bahn.
Die enge Verbindung zur Musik ist darin unübersehbar. Vor einigen Jahren konnte man in Berlin die Bilderfolge „Sarabande“ sehen. Mit den hier ausgestellten Arbeiten gelang es Regina Conrad erneut, empfundenen musikalischen Formen überzeugend in der Sprache des Bildes, in gemalten Farb-Tonfolgen, kongenial Ausdruck zu verleihen.
Anita Kühnel ( Rede am 28.05.1998 )
Dr. Brigitte Hammer Download PDF
Sphären und Schwingungen oder von offenen Farb-Räumen und leisen Zwischen-Tönen. Gedanken zur Ausstellung mit Bildern von Regina Conrad und Claudia Shneider im Forum Amalienpark in Berlin Pankow Weiterlesen >>
Ein kräftig-breiter Pinselschwung hat seinen schlangenähnlichen Weg über das feuchte Papier gesetzt und beim Trocknen transparente Farbspuren unterschiedlicher Dichte und Intensität hinterlassen, ein anderer rundet sich zur Kreisform oder bleibt ein offenes Bogensegment, das sich auf der Bildfläche über die Diagonale spannt.
Die in Südafrika geborene, in Johannisburg und München lebende Malerin CLAUDIA SHNEIDER arbeitet auf Leinwand und Papier mit schwingenden Farb-Linien, die eine Form mit lockerem Strich auf den Bildgrund setzen, sie umspielen oder andeuten und viele Leerräume und freie Stellen in der Bildfläche zulassen können.
Zwischen den Farb-Linien, die manchmal nebeneinander herlaufen oder sich voneinander entfernen, sich manchmal zart berühren, verdichten und verknäueln oder voneinander fortstreben, entstehen spannungsvolle Figur- und- Grund-Beziehungen, die die mit Farbe bedeckten Bereiche ebenso bedeutsam werden lassen wie die „Leerstellen“ auf dem Bildträger. Die Linien und Farbspuren, die der Pinsel auf dem Bildgrund hinterlässt, bilden einfache Formen von fast archaischer Schlichtheit und unabsehbarer Vieldeutigkeit.
So überrascht es nicht, dass die Künstlerin große Sorgfalt in Titelfindung und Titelsetzung legt, die der Fantasie anregenden Vagheit der Liniengebilde die Konkretisierung durch einen Begriff hinzufügen. Ein um einen runden Mittelpunkt kreisendes Liniengeflecht von kleinen Hin- und Her- Bewegungen eines dünnen, mit roter Aquarellfarbe getränkten Pinsels bildet nicht nur eine zitternde Kreisfläche als ästhetische Form, sondern kündigt auch von der genauen Beobachtung eines Alltagsgegenstandes- hier der Schnittfläche eines halbierten Rotkohlkopfes- und seinem Reflex im Werk der Künstlerin, die offensichtlich in ihrer Arbeit symbiotisch verschmelzen, ohne sich autobiografisch zu entblößen.
In „Danke für die Cola-Flasche“ vertanzt und vertupft sich der blauschwarz getränkte Pinsel auf der trockenen und nahezu ungrundierten rauen Leinwand in wilden, sprühende Heiterkeit und pralle Lebenslust verströmenden Bogenschwüngen und Punktierungen. Lebens-Beobachtung, Lebenserfahrung und alltägliche Ereignisse lassen diese „atmenden Bilder“ entstehen, in denen Farbe und Leere aufeinander bezogen sind wie Ein- und Ausatmen: solange Leben ist, geht das Eine nicht ohne das Andere. Shneiders Bilder wirken spontan und auch in ihrem schnellen, vitalen Schwung überzeugend.
Die eindrucksvoll frische, manchmal auch fast lapidare Offenheit, Spontaneität und Einfachheit in Form und Gestaltung, die die Bilder und Aquarelle von Shneider aufweisen und auf ihre Weise so ansprechend machen, stehen in ebenso Krassem wie spannendem Gegensatz zur Malerei von REGINA CONRAD. Ihre aus diffizilen Schichtungen von Farbe herausgearbeiteten, gelegentlich objekthaft erscheinenden Bildschöpfungen lassen einen langwierigen und komplexen Arbeitsprozess sichtbar werden, in dem akribisch aufeinander ab gestimmte Mal- und Arbeitsvorgänge zu einem sich in der Zeit allmählich herausbildenden visuellen Ergebnis getrieben werden. Feinste Durchsichtigkeit der Schichten und Lasuren, senkrechte, waagerechte und diagonale Farbverläufe, Fließ- und Kratzspuren, Pinselschwünge und Spachtlungen, die hauchdünne Grate stehen lassen, geschmeidige Schichten von Seidenpapier, die ein flaches Relief hervorrufen, der Einsatz von wässrigen Tinten auf öligem Grund, die Schleier von winzigen Tröpfchen bilden- alle diese Elemente des Arbeitsprozesses verdichten sich in allmählicher Formung von Collage und Decollage zu einem vibrierenden Farb-Bildraum, in dem zarte und schwebende Formen den Betrachter in eine geistige Ebene entführen können.
Auch bei Conrad sind Bezüge zu einem alltäglichen Erlebnishintergrund zu spüren, die Einflüsse auf den Gestaltungsprozess nehmen, doch sind sie hier viel verhaltener und scheinen eher als eine Art „energetische Verdichtung“ ihre Wirkung zu manifestieren. Sehr deutlich kommt dies im hinteren, zur Gartenseite gelegenen Ausstellungsraum zum Ausdruck, in dem sich zwei Arbeiten gegenüber hängen, die im Werk von Conrad zwei extreme Pole erkennbar werden lassen. Die große, die der Tür gegenüberliegende Wand dominierende Arbeit mit dem Titel „Offene Räume“ lässt ein Geflecht von senkrechten und waagerechten Linien unterschiedlicher Breite und Höhe auf Transparentpapier eine Folge von offenen Räumen entstehen, in denen Hand- und Arbeitsspuren eine Geschichte von Wandel und Entfernung zu erzählen scheinen. Auf der gegenüberliegenden Wand scheint ein mit hellen Ocker-Rosa- und Grauklängen in abgetöntem Weiß gehaltenes Bild in strengen geometrischen Formen seine Geschichte geradezu zu verschleiern. Offenheit und Verschleierung, Zeigen und Verbergen, das Sichtbare und das Unaussprechliche sind bei beiden Künstlerinnen trotz Verschiedenheit ihrer Ansätze, der Arbeitsweisen und der Umsetzung der kreativen Impulse präsent. Für die verschiedenen Ausstellungsräume im Forum Amalienpark hat das zur Folge, dass Räume ganz unterschiedlicher Stimmung und visueller Erfahrung entstanden sind. Für den Betrachter ist es die reine Augenlust, sich dem Ablauf der Hängung und den daraus resultierenden Empfindungen zu überlassen- mit all dem, was an optischen Köstlichkeiten und vitalen Spannungen aufgenommen werden kann.
Berlin, im September 2005 Dr. Brigitte Hammer
Richard Rabensaat Download PDF
Das Malen als Musik der Augen Regina Conrad Bilder formulieren keine Aussagen, sind aber klangvoll Von Richard Rabensaat Weiterlesen >>
„Ich gehöre zu den Malern, die malen müssen“ sagt Regina Conrad. In einem Katalog von ihr ist ein Bild der Künstlerin zu sehen, in dem sie vor einem ihrer Bilder steht. Sie hält eine Zigarette in der Hand, ist ganz in schwarz gewandet, trägt einen langen Rock, ihr Kopf ist kahl geschoren. Sie steht ein wenig schräg, so als wäre sie sich ihres Standes nicht sicher. Die Körperhaltung der Künstlerin scheint ihre Entsprechung in den Bildern zu finden. Zwar malt Regina Conrad abstrakt, aber es sind tastende, poetische Bilder, keine brachialen Behauptungen, wie sie von anderen abstrakten Malern bekannt sind. In dem Katalog finden sich zu den Bildern zumeist keine Titel. Aber aus dem Schwingen der Farben, aus den diffizilen Farbklängen und den lasierenden Schichtungen wird klar, dass es sich um poetische Bilder handelt.
Wie alle abstrakten Maler hat auch Regina Conrad sich den Weg in die Abstraktion erarbeitet. Angefangen hat sie mit Aktzeichenstudien, die sie als Material ein weites Stück ihres künstlerischen Weges begleitet haben. Ohne ein akademisches Studium der Malerei abgeschlossen zu haben, hat sich die Autodidaktin den Weg in die Künstlergemeinde frei schaffend ermalt. Im Alter von 31 Jahren nahm dann der Verband bildender Künstler der DDR die couragierte Außenseiterin in seine Reihen auf. Es folgten verschiedene Arbeitsstipendien und Kunstpreise.
Sie fertigte Entwürfe für Kunst im Außenraum und arbeitete als Bühnenbildnerin. So entwickelte sich ihr heute sichtbarer eigener Stil. Bei der Betrachtung ihrer Bilder fällt die Zeitlosigkeit der Darstellung ins Auge, der ihre Titellosigkeit entspricht. Die Malerei zeigt eine Formensprache, die sich weder auf ein bestimmtes Sujet, noch auf eine genau definierte Zeit festlegen lässt.
Regina Conrad insistiert auf einer Position, die sie sich über Jahre hinweg als konsequenten Stil erarbeitet hat. Auf ihren Bildern schwingen Farbflächen, lasierte Pinselstrukturen, eingeklebte Papierbahnen in einem verhaltenen, unaufdringlichen Rhythmus. Oft verschwimmen die Konturen der ohnehin nicht besonders scharf abgegrenzten Andeutungen von Gegenständlichkeiten. Auch wenn sie sich nicht auf einen Gegenstand festlegen lassen, rufen die Bilder doch Assoziationen an Landschaften, an zum Teil dunkle Horizonte, manchmal, aber selten, auch an im Schemenhaften verschwindende Figürlichkeiten wach. Wenn sie ein zitronenfarbenes Gelb in die Höhe steigen lässt und sich darein ganz verhalten erdige Klänge mischen, so erinnert das ein wenig an den Zauber impressionistischer Klavieretüden von Debussy. Der Betrachter vermeint den leichten Klang schwebender Töne durch die nebligen Wiesen eines herauf ziehenden Tages zu vernehmen.
Diese künstlerische Nähe zu Musikern entsteht aus der Vielschichtigkeit der Klänge, aus denen sie ihre Bilder webt. Etliche lasierende Farbschichten schaffen letztlich einen Farbraum, in dem die Klänge eine sich selbst tragende Stimmung evozieren und ohne den Verweis auf assoziativ konnotierte Bedeutungsmuster auskommen.
Die Bilder Regina Conrads benötigen keine Anknüpfungen an soziale Kontexte oder anderweitige Begrifflichkeiten um sich als Malerei zu behaupten. Bei der Künstlerin stehen Raum und Farbe für sich, als rein klingendes Bildelement. Natürlich ist die Künstlerin nicht die erste abstrakte Malerin. Die Muster und Strukturen, die sich in ihren Bilder finden, formulieren zwar eine ganz individuelle Position, stehen aber doch in einem malerischen Zusammenhang. Nicht der abstrakte Expressionismus eines Jackson Pollock oder eines Bill de Kooning stehen ihr nahe, obwohl sie diesen in ihrer völligen Verneinung des abbildenden Moments nahe steht. Eher findet sich in den Farbtafeln eine Verwandtschaft zu den offen strukturierenden Rhythmen eines Kuno Gonschior oder eines Mark Rothko. Sie beruft sich nicht auf diese Nähe, aber die existentielle Haltung, aus der heraus gerade Rothko seine Farbflächen schichtete, spiegelt sich wieder in der Intensität, mit der Regina Conrad sich zur Malerei bekennt. Es kann gemutmaßt werden, dass die Aussage der Künstlerin, sie müsse malen, sich nicht in der Inhaltlichkeit ihrer Bildwelten wieder findet, sondern gerade im Malprozess selber.
Als professionelle Malerin interessiert die Künstlerin nicht die darstellende Illustration einer inhaltlichen Zerrissenheit, die möglicherweise auch einen Antrieb ihrer Malerei bildet. Vielmehr können wir annehmen, dass gerade der Prozess des Malens selber für Regina Conrad eine existentielle Komponente aufweist. Es entstehen Abbilder der inneren Welten der Malerin. Letztlich findet sich vermutlich auf der Leinwand ein abstrakt schwingender Widerhall der Stimmungen und Gedankensplitter, die der Künstlerin beim Malen durch den Kopf schwirrten. Umso schöner ist es, wenn sich aus diesen unruhigen, disparaten Elementen dann auf der Leinwand ein Bild formt, das in sich geschlossen ist und so als ein Ganzes dem Betrachter doch wieder die Möglichkeit oder jedenfalls die Hoffnung einer möglichen Harmonie versichert. Vergleicht man Bilder, die sich in dem früheren Katalog von Regina Conrad finden, mit den neueren, so fällt auf, dass die Bilder der Künstlerin heller, leichter geworden sind. Die oftmals papierbasierten Arbeiten aus dem älteren Katalog konstruieren Schichtungen mit dunklen orange – braun Tönen die sich dem Betrachter versperren. Er ahnt, dass vielleicht hinter den sperrigen schwarzen Balken noch ein lichter Durchgang gefunden werden kann, aber er ahnt ihn eben mehr, als dass er ihn sieht.
Dieses hermetische Element der frühen Bilder wird lediglich durch die subtilen Schichtungen und die Brüchigkeit des verwendeten Materials erträglich. Das Papier bildet unebene Oberflächen, die aufgeklebten Blätter brechen und machen so deutlich, dass es sich um eine lebendige, organische Struktur handelt, die dem Betrachter eher als eigenständiger Bildkörper, denn als illusionistischer Raum entgegen tritt. Bei den Bildern Conrads aus dem neueren Katalog sind zwar ebenfalls die meisten Werke aus Papier beziehungsweise mit Papier gefertigt, aber die Farbigkeit und damit die Stimmung ist eine andere. Es mag müßig sein, von den Werken der Künstlerin auf deren biografischen Hintergrund und ihre Befindlichkeit zu schließen. Aber es scheint, dass der Ton ein lichterer, die Stimmung auch der Malerin während 2002 bis 2004 geschaffenen Bilder eine leichtere geworden ist. Wenn sich in den Werken eine deutlichere Bezugnahme auf landschaftliche Darstellungsweisen findet, so schleicht sich ein romantisches Moment in die Bildsprache Regina Conrads ein.
Mit ihren Bildern bewegt sich Regina Conrad gegen den Trend einer Zeit, die zwar häufig das mittlerweile reichlich abgegriffene Wort von der Malerei über Malerei als Malerei im Mund führt, aber ebenso oft in der praktischen Anschauung eben dieses Wort Lügen straft. Im Gegensatz zu narrativen Bildern machen die Tafeln von Regina Conrad deutlich, dass gerade auch das Abstrakte in der Kunst seine Berechtigung und seinen ganz eigenen Definitionsbereich hat. Maler wie Pierre Solange, Emilio Vedova oder Emil Schumacher stehen mit ihrem Leben und ihrem Werk für die Formulierung eines malerischen Raumes, der nicht deshalb obsolet wird, weil gegenwärtig der Hype in eine andere Richtung geht. Es zeigt sich, dass in der Malerei mittlerweile eine allgegenwärtige Vielfalt herrscht in der auch widersprüchlich erscheinende Haltungen nebeneinander bestehen können. Zwar ist da Topos der gegenwärtig gehypten deutschen Malerei vorgeblich ein unterschiedliches, dennoch findet sich bei manchen der Maler eine Suche nach Formulierungen, die möglicherweise in die gleiche Richtung zielt, wie diejenige Regina Conrads. Die romantischen Landschaften und coolen Räume Tim Eitels sind zwar technisch völlig anders inszeniert als die Bilder der Malerin. Jedoch sind gelegentlich die Protagonisten der Bilder Eitels in gleicher Weise im Bildraum verloren wie die still vor sich hin mäandernden zeichnerischen Strukturen Conrads. Auch Eitel geht es vermutlich nicht so sehr um die glatte Oberfläche, wegen der seine Tafeln zunächst einmal Beachtung finden. Mehr interessiert ihn vermutlich das Gefühl der Verlassenheit und die Benennung eines Zustandes, in dem sich der gestirnte Himmel über dem Maler in der eigenen emotionalen Haltlosigkeit wieder findet und das moralische Gesetz in ihm mangels Inhalt belanglos geworden ist. Seine Malerei und auch die Bilder Regina Conrad suchen dennoch nach einem Fixpunkt. Der findet sich dann vielleicht im rosa Pinselschwung oder im Signet eines Vogels.